Sternwandel
Ein glückliches Geschick für die junge
Dichterseele bewirkte, dass Bernhard Graf von Uxkull-Gyllenband (1899-1918),
zusammen mit seinem Bruder Woldemar, in den Dichterkreis des berühmten Stefan
George gelangte; er dort in der Jugend poetisch reifte und in der Beziehung zu
Adalbert Cohrs seine Liebe fand.
Ein Unglück war der Erste Weltkrieg, die
Teilnahme der beiden Freunde daran und dass ihre Flucht kurz vor Ende des
Krieges verraten wurde: Doppelsuizid.
Es bleibt ein schmales, anrührendes
Jugendwerk, aus dem Stefan George 45 Gedichte Uxkulls in seine Zeitschrift Blätter für die Kunst aufnahm. Nach
vielen Jahrzehnten wird ein Teil davon neu präsentiert, voran sein Zyklus Sternwandel. (sm)
"Wenn ich so viel tugenden hätte wie tropfen
im meere sind · ich würde eine seele
daraus formen ·
die sollte
freundschaft heissen."
Bernhard v. Uxkull-Gyllenband
ISBN: 978-3-948999-19-3
32 Seiten, 125x190 mm, Fadenbindung,
illustrierte, nummerierte Ausgabe
Normalausgabe (Broschur): 9 Euro
Vorzugsausgabe (Hardcover): 33 Euro
— limitiert auf 9 nummerierte Exemplare
— limitiert auf 9 nummerierte Exemplare
mit Original-Linolschnitt von Steffen Büchner
(Sammlerexemplare ohne ISBN, außerhalb des Buchhandels).
Bernhard Victor Graf von Uxkull-Gyllenband
Geb. am 8.9.1899 in
Wallwitz (Preußen), gest. am 28.7.1918 (Suizid) und begraben in Kaldenkirchen.
Die Familie Uxkull stammte aus baltischem Adel. U.-G. und sein Bruder Woldemar wuchsen
im Bayerischen Viertel in Berlin auf.
Ernst Morwitz, enger Freund Stefan Georges, unterrichtete beide privat ab 1906. Die Brüder besuchten 1911 bis 1916 die Königliche Internatsschule Ilfeld (Harz); U.-G. schloss enge Freundschaft mit dem zwei Jahre älteren Adalbert Cohrs. Sein dichterisches Werk begann U.-G. im Jahr 1914. Stefan George wählte später 45 Gedichte zum Druck für die 11. und 12. Folge der Blätter für die Kunst (1919) aus.
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Adalbert Cohrs (Linol: S. Büchner) |
Beim Verhör in der Kaldenkirchener Landsturm-Kaserne setzten die Freunde am
28.7.1918 durch gleichzeitige Revolverschüsse ihrem Leben ein Ende, nicht lange
vor dem Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg, dem sie entkommen wollten. 1964
erschien die nach 1919 einzige und bislang letzte Veröffentlichung seiner Gedichte im
Verlag Helmut Küpper, vormals Georg Bondi, Düsseldorf.
Gedicht für Bernhard von Uxkull
von Stefan George, 1921
Der Dichter in Zeiten der Wirren
Dem andenken des
Grafen bernard uxkull
Beflügelt kind das holde träume tönt
Und schönheit bringt ins tätige getrieb.
Doch wenn aus übeln sich das wetter braut
Das schicksal pocht mit lauten hammerschlägen
Klingt er wie rauh metall und wird verhört ..
Wenn alle blindheit schlug · er einzig seher
Enthüllt umsonst die nahe not .. dann mag
Kassandra-warnen heulen durch das haus
Die tollgewordne menge sieht nur eins:
Das pferd · das pferd! und rast in ihren tod.
Dann mag profeten-ruf des stammgotts groll
Vermelden und den trab von Assurs horden
Die das erwählte volk in knechtschaft schleppen:
Der weise Rat hat sichreren bericht
Verlacht den mahner · sperrt ihn ins verlies.
Wenn rings die Heilige Stadt umzingelt ist
Bürger und krieger
durcheinander rennen
Fürsten und priester drin sich blutig raufen
Um einen besenstiel indes schon draussen
Das stärkste bollwerk fällt: er seufzt und schweigt.
Wenn der erobrer dann mit raub und brand
Hereinstürmt und ins joch zwingt mann und weib
Ein teil wutschäumend seine eigne schuld
Abwälzend auf den andren lädt · ein teil
Entbehrungsmüd sich um die brocken balgt
Die ihm der freche sieger vorwirft · johlend
Und tanzend sich betäubt · am riste leckt
Der tritt und schlägt: Er fernab fühlt allein
Das ganze elend und die ganze schmach.
Das stärkste bollwerk fällt: er seufzt und schweigt.
Wenn der erobrer dann mit raub und brand
Hereinstürmt und ins joch zwingt mann und weib
Ein teil wutschäumend seine eigne schuld
Abwälzend auf den andren lädt · ein teil
Entbehrungsmüd sich um die brocken balgt
Die ihm der freche sieger vorwirft · johlend
Und tanzend sich betäubt · am riste leckt
Der tritt und schlägt: Er fernab fühlt allein
Das ganze elend und die ganze schmach.
Geh noch einmal zum
berg zu deinen geistern
Und bring uns tröstlicheren spruch der löse
Aus dieser trübsal!.. also spricht ein greis ...
Was soll hier himmels stimme wo kein ohr ist
Für die des plansten witzes? was soll rede
Vom geiste wo kein allgemeiner trieb ist
Als der des trogs? wo jede zunft die andre
Beschimpfend stets ihr leckes boot empfiehlt
Das kläglich scheiterte · heil sucht in mehrung
Ihr lieben tandes? wo die klügsten fabeln
Vom frischen aufbau mit den alten sünden
Und raten: macht euch klein wie würmer dass euch
Der donner schont der blitz euch nicht gewahrt ...
Der ganze stamm der lebenden der hinfuhr
Durch lange irrsal wird vor seinen götzen
Die ihn in staub und niedrigkeit geworfen
So oft sie lügen immer weiter räuchern
Hat seines daseins oberstes gesetz
Hat was ihm den bestand verbürgt vergessen
Glaubt an den Lenker nicht · braucht nicht den Sühner
Will sich mit list aus dem verhängnis ziehn.
Noch härtre pflugschar muss die scholle furchen
Noch dickrer nebel muss die luft bedräun ..
Der blassest blaue schein aus wolkenfinster
Bricht auf die Heutigen erst herein wenn alles
Was eine sprache spricht die hand sich reicht
Um sich zu wappnen wider den verderb —
Gleichviel ob rot ob blau ob schwarz die fahlen
Verschlissnen fahnenfetzen von sich schüttelt
Und tag und nacht nur an die Vesper denkt.
Der Sänger aber
sorgt in trauer-läuften
Dass nicht das mark
verfault · der keim erstickt.
Er schürt die
heilige glut die über-springt
Und sich die leiber
formt · er holt aus büchern
Der ahnen die
verheissung die nicht trügt
Dass die erkoren
sind zum höchsten ziel
Zuerst durch
tiefste öden ziehn dass einst
Des erdteils herz
die welt erretten soll..
Und wenn im
schlimmsten jammer lezte hoffnung
Zu löschen droht:
so sichtet schon sein aug
Die lichtere
zukunft. Ihm wuchs schon heran
Unangetastet von
dem geilen markt
Von dünnem
hirngeweb und giftigem flitter
Gestählt im banne
der verruchten jahre
Ein jung geschlecht
das wieder mensch und ding
Mit echten maassen
mißt · das schön und ernst
Froh seiner
einzigkeit, vor Fremdem stolz ·
Sich gleich
entfernt von klippen dreisten dünkels
Wie seichtem sumpf
erlogner brüderei
Das von sich spie
was mürb und feig und lau
Das aus geweihtem
träumen tun und dulden
Den einzigen der
hilft den Mann gebiert..
Der sprengt die
ketten fegt auf trümmerstätten
Die ordnung ·
geisselt die verlaufnen heim
Ins ewige recht wo
grosses wiederum gross ist
Herr wiederum herr
· zucht wiederum zucht · er heftet
Das wahre sinnbild
auf das völkische banner
Er führt durch
sturm und grausige signale
Des frührots seiner
treuen schar zum werk
Des wachen tags und
pflanzt das Neue Reich.
Stefan George
Aus der Sammlung
Das neue Reich (1921)
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