Christine Kahlau: Träume, vielleicht auch Schwüre
Vorwort
Diese Gedichte sind eine Autobiografie in sich, sie
könnten da, wo sie ernst sind, Zuversicht verbreiten. Sie verstecken nicht das
Leid, sie sprechen von seiner Überwindung, aber auch von Heiterkeit. Die
Dichterin Christine Kahlau vergisst darin und in der Freude nicht die
Selbstbeherrschung — manchmal auch selbstironisch. Die Texte umspannen
Jahrzehnte mit Höhen und Tiefen, verlieren sich aber nicht in
Selbstbetrachtung. Immer liegt darin die Perspektive, sich mitzuteilen und sich
den Leserinnen und Lesern zuzuwenden. Auf verschiedene Arten begleiten die
Bilder die Inhalte und weisen auf ihren Kern hin.
Menschen drucken seit undenklicher Zeit; sie hinterließen
ihren Handabdruck auf Höhlenwänden, sie drückten in Babylon mithilfe von Modeln
Reliefs in den Ton. Irgendwann kam der Holzschnitt und verbreitete Szenen des
Glaubens oder des Alltags, entwickelte sich die hohe Eleganz eines Hiroshige.
Eine Gruppe von Frauen in Berlin-Prenzlauer Berg hat sich den bildnerischen Möglichkeiten
von Drucktechniken gewidmet und eine Frauen-Druckwerkstatt ins Leben gerufen.
Ihnen gesellte sich die Dichterin hinzu.

Die Künstlerinnen untersuchten die
Varianten des monochromen Linolschnitts, der im 20.Jh. auf den Holzschnitt
folgte und die Kunst der Reduzierung pflegt. Die Spielregel der schwarzen und
weißen Flächen lässt das Thema vieler Gedichte ausdrucksvoll hervortreten. Den
Anfang macht ein Farb-Linolschnitt aus mehreren Druckplatten. Wir sehen zwei
Monotypien. Aber auch die Kaltnadelradierung ist vertreten, in der Zeit Dürers
entwickelt, sie erlaubt ein freies Spiel der Linie. So stehen die Bilder im
fantasievollen Dialog mit nachdenklichen Rückblicken, launigen Beobachtungen
und mit philosophischen Momenten, die uns in ihre Stimmung einladen.
Eva-Maria Nerling
56 Seiten, 18 x 18 cm,
Hardcover, mit zahlreichen, teils farbigen Grafiken,
Fadenbindung, 19 Euro
ISBN: 978-3-948999-90-2
Mit Grafiken von 6 Künstlerinnen der FrauenDruckwerkstattPrenzlberg
Ein Kuss fliegt
durch die Stadt von
mir zu Dir
von meinen gerade
erwachten Lippen
schlüpft er durchs
geschlossene Glas
hinaus in den Wintermorgen,
den dunklen
und durchquert
schnell wie ein Pfeil
mittels Luftlinie —
für den üblichen Weg
mit der Öffentlichen
ist es ihm zu kalt —
mehrere Stadtteile,
Straßen, Plätze
fliegt über dahin
schleichende Autos
um schließlich doch
gefroren
an Deiner Scheibe zu
landen
es klirrt leicht,
irritiert schaust Du hoch
um Dir kurz darauf
über die Oberlippe zu streichen
meintest Du doch
gerade, etwas wie
einen sanften Kuss
auf ihr zu spüren
es ist kurz nach 6
Uhr morgens, Du
beschließt, noch etwas liegen zu bleiben ...
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Christa Heinrich: Zeit
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Christine Kahlau
Geb. 1955 in Berlin, lebt in Berlin-Prenzlauer Berg, drei
Kinder; 2000 Abschluss als Diplom-Soziologin. Schreibt Gedichte seit 1984; ab 1985 Lesungen mit
musikalischer Begleitung, ab 2011 Lyrik & Grafik in Zusammenarbeit mit den
DruckgrafikfrauenPrenzlberg; mit ihnen zusammen sechs Ausstellungen, seit 2015
Betreiberin des „Fotoarchiv(s) Gerda Schimpf“, Kuratorin bei mehreren
Ausstellungen, Jurorin beim Hanns-Meinke-Preis für junge Lyrik.
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