Verlag der 9 Reiche — Lyrik Edition NEUN — Literatur im Quadrat — Grafik — Vorzugsausgaben

„Wisse, daß jedwede Zahl nichts anderes ist als 9 oder ein Vielfaches davon, zuzüglich eines Darüberhinausgehenden. Wer das Darüberhinausgehende und den Multiplikator von Neun kennt, der kennt das Wesen und die Zahl in jeder Beziehung.“ --- Ibn Sina (lat. Avicenna, persischer Philosoph, Dichter, Arzt, Astronom, Alchemist, 980-1037)

LiQ 02: Christine Kahlau: Träume, vielleicht auch Schwüre

 

Christine Kahlau: Träume, vielleicht auch Schwüre

 
 

Vorwort
 
Diese Gedichte sind eine Autobiografie in sich, sie könnten da, wo sie ernst sind, Zuversicht verbreiten. Sie verstecken nicht das Leid, sie sprechen von seiner Überwindung, aber auch von Heiterkeit. Die Dichterin Christine Kahlau vergisst darin und in der Freude nicht die Selbstbeherrschung — manchmal auch selbstironisch. Die Texte umspannen Jahrzehnte mit Höhen und Tiefen, verlieren sich aber nicht in Selbstbetrachtung. Immer liegt darin die Perspektive, sich mitzuteilen und sich den Leserinnen und Lesern zuzuwenden. Auf verschiedene Arten begleiten die Bilder die Inhalte und weisen auf ihren Kern hin.

Menschen drucken seit undenklicher Zeit; sie hinterließen ihren Handabdruck auf Höhlenwänden, sie drückten in Babylon mithilfe von Modeln Reliefs in den Ton. Irgendwann kam der Holzschnitt und verbreitete Szenen des Glaubens oder des Alltags, entwickelte sich die hohe Eleganz eines Hiroshige. Eine Gruppe von Frauen in Berlin-Prenzlauer Berg hat sich den bildnerischen Möglichkeiten von Drucktechniken gewidmet und eine Frauen-Druckwerkstatt ins Leben gerufen. Ihnen gesellte sich die Dichterin hinzu. 

Die Künstlerinnen untersuchten die Varianten des monochromen Linolschnitts, der im 20.Jh. auf den Holzschnitt folgte und die Kunst der Reduzierung pflegt. Die Spielregel der schwarzen und weißen Flächen lässt das Thema vieler Gedichte ausdrucksvoll hervortreten. Den Anfang macht ein Farb-Linolschnitt aus mehreren Druckplatten. Wir sehen zwei Monotypien. Aber auch die Kaltnadelradierung ist vertreten, in der Zeit Dürers entwickelt, sie erlaubt ein freies Spiel der Linie. So stehen die Bilder im fantasievollen Dialog mit nachdenklichen Rückblicken, launigen Beobachtungen und mit philosophischen Momenten, die uns in ihre Stimmung einladen.

Eva-Maria Nerling


56 Seiten, 18 x 18 cm,  
Hardcover, mit zahlreichen, teils farbigen Grafiken,
Fadenbindung, 19 Euro
 
ISBN: 978-3-948999-90-2

 Mit Grafiken von 6 Künstlerinnen der FrauenDruckwerkstattPrenzlberg

 

Ein Kuss fliegt

 
durch die Stadt von mir zu Dir
von meinen gerade erwachten Lippen
schlüpft er durchs geschlossene Glas
hinaus in den Wintermorgen, den dunklen
und durchquert schnell wie ein Pfeil
mittels Luftlinie — für den üblichen Weg
mit der Öffentlichen ist es ihm zu kalt —
mehrere Stadtteile, Straßen, Plätze
fliegt über dahin schleichende Autos
um schließlich doch gefroren
an Deiner Scheibe zu landen
es klirrt leicht, irritiert schaust Du hoch
um Dir kurz darauf über die Oberlippe zu streichen
meintest Du doch gerade, etwas wie
einen sanften Kuss auf ihr zu spüren
es ist kurz nach 6 Uhr morgens, Du
beschließt, noch etwas liegen zu bleiben ...


Christa Heinrich: Zeit

 
Christine Kahlau

Geb. 1955 in Berlin, lebt in Berlin-Prenzlauer Berg, drei Kinder; 2000 Abschluss als Diplom-Soziologin. Schreibt Gedichte seit 1984; ab 1985 Lesungen mit musikalischer Begleitung, ab 2011 Lyrik & Grafik in Zusammenarbeit mit den DruckgrafikfrauenPrenzlberg; mit ihnen zusammen sechs Ausstellungen, seit 2015 Betreiberin des „Fotoarchiv(s) Gerda Schimpf“, Kuratorin bei mehreren Ausstellungen, Jurorin beim Hanns-Meinke-Preis für junge Lyrik.

 

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